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Zum 12. Sonntag im Jahreskreis am 25.06.17 (Mt 10,26-33) (pdf-Datei) [73 KB]

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann. Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

Nichts wird so sehr von den Menschen gefürchtet wie die Wahrheit, und nichts ist so stark wie die Wahrheit, denn „die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8,32) und: „Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“ (Joh 3,21). Ja, Jesus i s t die Wahrheit (Joh 14,6). Jesus stellt im heutigen Evangelium der maßlosen Furcht, die Wahrheit könnte ans Tageslicht kommen, die Geborgenheit gegenüber, die sich aus dem Wissen ergibt, dass Gott uns durch und durch kennt, „unsere Haare alle gezählt hat“. Und er stellt eine Beziehung zwischen unserem mutigen Verhalten und seinem Verhalten her: Wer sich vor den Menschen zu ihm, der die Wahrheit ist und der „zur Freiheit befreit“ (Gal 5,1), bekennt, wer zu seinen Worten und Taten steht gegen allen Widerstand von Menschen, zu dem wird er sich bekennen vor Gott. Er wird sich gleichsam schützend vor ihn stellen, damit ihm nichts Schlimmes „passiert“. Niemand kann mit all seiner menschlichen Macht oder seinen genialen Vertuschungen verhindern, dass die Wahrheit „herauskommt“. Alles Verhüllte, Verdeckte und Verschleierte, alles Versteckte und Verborgene wird sich zeigen, weil alles, was es gibt, in sich die „Sehnsucht“ hat, bekannt, „veröffentlicht“ zu werden. Jesus ist gekommen, um das, „was ich von ihm – der mich gesandt hat – gehört habe, in die Welt hineinzusagen“ (Joh 8,26). „Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an“ (Joh 3,32). Wir machen immer neu die Erfahrung, dass alles einmal herauskommt, auch wenn wir den Augenblick nicht bestimmen können. Es kann lange gehen. Doch wenn wir aus unserem Glaubenswissen heraus der Wahrheit, also vor allem dem, was uns „nicht passt“ – denn das, was uns passt, ist meistens „zu schön, um wahr zu sein“ – ins Auge sehen, ihr geradezu helfen, sich zu zeigen, dann werden wir letztlich die Erfahrung machen, dass sich die Freiheit zeigt, die wir uns ersehnen. Die „erlösende“, befreiende Wahrheit bringt uns voran auf unserem Weg, auch wenn sie oft genug als „Kreuz“ erscheint. Wer die Wahrheit fürchtet, hindert sie, ihre befreiende Kraft zu zeigen; wer sie zulässt, darf erleben, dass sie uns „gut tut“.

Welche Chance hat bei mir die Wahrheit, „zugelassen“ zu werden? Wo gehe ich ihr aus dem Weg? Welches ist meine Weise, mich gegen sie zu wehren durch Uneinsichtigkeit, durch Verharmlosung, durch Nicht-wahrhaben-wollen? Wo habe ich gespürt, dass ich Jesus etwas bedeute? Dass er mir meine Wahrheit liebevoll bewusst machte? Durch eigene Einsicht, durch andere Menschen?

Wolfgang Müller SJ




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