Zum 6. Sonntag in der Osterzeit am 22.05.22 (Joh 14,23-29)

 

In jener Zeit sprach Jesus antwortete ihm: Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin. Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht. Ihr habt gehört, dass ich zu euch sagte: Ich gehe fort und komme wieder zu euch zurück. Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich. Jetzt schon habe ich es euch gesagt, bevor es geschieht, damit ihr, wenn es geschieht, zum Glauben kommt.

 

Immer mehr in dieser österlichen Zeit auf Pfingsten zu soll sich uns die Gestalt Jesu, des Auferstandenen, erschließen. Papst Benedikt XVI. hat uns mit seinem in der Wirkung erstaunlichen Jesus-Buch liebevoll und deutlich die Richtung gewiesen, ganz persönlich mit diesem Jesus Kontakt aufzunehmen, ihn uns gleichsam „Aug in Aug“ begegnen zu lassen, auf die „tastende“ (Apg 17,27), ehrliche Suche nach ihm zu gehen. Im heutigen Evangelium weist uns Jesus auf sein „Wort“ hin, das, wenn wir es ernst nehmen, „festhalten“, zum Zeugnis für unsere wirkliche Liebe zu ihm wird. Sein Wort nicht ernst nehmen, bedeutet, ihn nicht lieben und damit auch Gott nicht lieben. Er weiß sich als der, der nicht sein eigenes Wort sagt, sondern das Wort Gottes weitersagt. Mit allem, was er sagt und tut, verweist er auf Gott. Jesus spricht von der Zeit, in der er leibhaftig den Menschen begegnete, also zu ihnen sprach und ihnen Ermutigung und Heilung zusprach, aber sobald er gegangen ist, aber er garantiert gleichsam, dass er durch den heiligen Geist bei ihnen bleibt und so dafür sorgt, dass in ihnen sein Wort unaufhörlich nachklingt, aber auch seinen Sinn offenbar werden lässt. Dieser Geist ist der große „Erinnerer“ und Erklärer aller Worte Jesu. Wenn wir uns an „sein Wort“ halten, halten wir uns an Jesus, wenn wir uns an seinen heiligen Geist halten, werden wir nichts vergessen von dem, was er gesagt hat, und zugleich werden uns seine oft beim ersten Hören unverständlichen Worte „aufgehen“, wie es die Apostel immer neu erfahren haben. Petrus ruft bei dem Geschehen mit dem römischen Hauptmann Kornelius aus: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich...“ (Apg 10,34). Wir dürfen auf das Wort Jesu vertrauen, dass der Geist uns „lehrt“ und so weiterführt, hineinführt in das Geheimnis Christi. Freilich werden wir den Geist Jesu nur spüren können, wenn wir ihn „gehen“ lassen. Aber er geht nicht einfach von uns weg, sondern, wie es immer wieder heißt in den Ostererzählungen, er geht uns voraus, um uns „einen Platz zu bereiten“. Deshalb haben wir in aller Trauer des Abschieds einen „Frieden, wie ihn die Welt nicht geben kann“.

Lasse ich mir den Sinn der Worte Jesu im Gebet vom Heiligen Geist erschließen? Oder bleibe ich dabei, dass ich mit der Bibel nichts anfangen kann? Spüre ich, dass mich der Geist Jesu an ihn erinnert, an meine persönlichen Erfahrungen mit ihm?

Wolfgang Müller SJ

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