Zum ersten Adventssonntag am 29.11.20 (Mk 13,33-37)

 

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug die Vollmacht seinen Knechten, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen. Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Mit der Adventszeit beginnt das neue Kirchenjahr, das uns durch das Leben Jesu führen möchte, von seiner „Ankunft“ im Schoß Marias bis zu seinem grausamen Ende am Kreuz, das in den Beginn des neuen und endgültigen Lebens mündet mit seiner Auferstehung vom Tod. Es geht zunächst – am ersten Advent – um die Einstellung unseres Herzens auf das Kommen des von der ganzen Menschheit zutiefst ersehnten und unbewusst von vielen erwarteten Befreiers, der diesem Leben ein Ende setzt, indem er es hinüberführt in die Vollendung eines ewigen Lebens. Am zweiten Advent sollen wir uns einlassen auf den Umkehr-Ruf des Täufers, der diesen Messias ankündigt als den, der bereits „mitten unter euch steht“ und den „ihr nicht kennt“ (Joh 1,26). Der dritte Advent bringt uns das Selbstzeugnis des infrage gestellten Täufers über seine Berufung, die ihn sein Leben kosten wird (Mt 14,10). Am vierten Advent steht dann das Ja Mariens im Mittelpunkt, durch das sie das Tor zur Menschwerdung Gottes öffnet.

Innere Haltung und nach außen bezeugte Zustimmung zur eigenen Berufung sind die Themen, die den Neubeginn anregen und prägen sollen, der in der ganzen Kirche immer wieder aufbricht, wenn die Geheimnisse unseres Glaubens gefeiert werden. Die grundlegende Haltung gegenüber Gott, der zu uns kommt, um uns frei zu machen und zu heilen, ist die Wachsamkeit, wie sie Jesus uns nahezubringen sucht. Wer wach ist mit allen Sinnen und Fähigkeiten, ist fähig, alles zu empfangen, was ihm angeboten wird. Was Gott anbietet, ist immer ein Geschenk und ein Auftrag zugleich: Ich bekomme von Gott etwas, das ich weitergeben soll. Es soll mich erfüllen und erfreuen, aber auch den Bruder und die Schwester, die durch mich Gottes Gabe empfangen, bereichern und beglücken. Der Herr kann mich nur beschenken, wenn ich bereit bin, mich beschenken zu lassen, und das bin ich nur, wenn ich keine Ansprüche, sondern geöffnete Hände und ein geöffnetes Herz habe. Alle genaue Berechnung, was ich bekomme und wann ich es bekomme, muss ausgeschlossen sein, weil ich sonst nicht überrascht werden kann. Und Gott will uns überraschen…Durch die Begegnung mit ihm. Wenn es echte Begegnung werden und sein soll, hat „Berechnung“ darin keinen Platz: „Ihr wisst weder Tag noch Stunde, wann er kommt“ (Mt 25,13). Aber im Glauben an Jesus „weiß“ ich, dass er kommt. Dieses Glaubenswissen löst als Bereitschaft zum Empfang Wachsamkeit als innere Haltung aus. Unter den verschiedenen Aufgaben, die den einzelnen anvertraut sind, nennt Jesus auch das Amt des Türhüters. Er ist es, der den Eingang bewacht, damit sich kein Unbefugter einschleicht, keiner, der nicht hereingehört oder sich den Türschlüssel nimmt, mit dem er öffnet oder schließt. Jesus selbst ist die Tür (Joh 10,7). Die Versuchung ist groß, dass sich andere als „Hausherren“ ausgeben und dass man ihnen sogar „auf den Leim“ geht. Oder die „wissen, wann“ etwas geschehen wird oder geschieht. „Seid wachsam“ bedeutet auch: „Passt auf, dass ihr nicht hereinfallt“.

Nutze ich die Adventszeit, um wach zu werden? Um „Selbstverständlichkeiten“ in meinem eigenen Leben aufzudecken, damit ich sie dankend lebe vor Gott und den Menschen, oder damit ich sie beseitige, wenn es falsche Gewohnheiten sind, die mich hindern, meinen Blick auf Jesus zu richten, auf ihn, der mich überraschen und mir begegnen will? Wo haben sich bei mir Undankbarkeit und Unglaube eingeschlichen?

Wolfgang Müller SJ

­