Zum 15. Sonntag im Jahreskreis

am 12.07.2020 (Mt 13,1-9)

 

An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Und er sprach lange zu ihnen in Gleichnissen. Er sagte: Siehe, ein Sämann ging hinaus, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen es. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil aber fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. Wer Ohren hat, der höre!

Das heutige Evangelium spricht davon, wie Jesus seine Tätigkeit versteht und wie er sie ausübt. In allen Worten des Textes kommt durch, wie bildhaft und „abbildhaft“ unsere Welt ist, in der wir leben und in die Jesus mitten hinein gekommen ist, um uns Menschen deutlich zu machen, was in dieser Welt und mit den Menschen geschieht aus der Sicht und Absicht des Schöpfers heraus. Die Form von „Gleichnissen“, bildhafte eindrucksvolle Darlegungen von tiefgehenden Bewegungen und Entwicklungen in der Welt und den einzelnen Menschen, ist die menschenfreundliche, ansprechende Weise, wie Jesus „lehrt“, seine Botschaft „verkündet“ und alle Krankheiten „heilt“ (Mt 4,25/9,35). Da wir alle auf dieser Welt im Werden sind, heranwachsend einem Höhepunkt zustrebend und abnehmend, ausklingend ein leibliches Ende früher oder später erreichend, deckt Jesus eindrucksvoll seinen Zuhörern auf, wie natürliche Vorgänge ein gutes Mittel und Vor-bild sind, uns tiefer und weiter zu führen auf unserem Lebensweg.

Jesus redet aber nicht nur gleichsam bildhaft und einsichtig über ein wichtiges Thema, sondern der Evangelist lässt uns auch mit dem Herrn mitgehen, bis er zum Ausgang seiner erzählenden Rede kommt. Er begibt sich auf den Weg: „verlässt das Haus“, geht an den See, „setzt sich“ dort hin und lässt „eine große Menschenmenge“ sich „um ihn versammeln“. Er sucht bei dem Gedränge eine gute Möglichkeit, zu dem zu kommen, was er vorhat, ohne sich „bedrängen“ zu lassen von den Menschen: Er steigt in ein Boot, von dem aus er – „unbedrängt“ – allen Zuhörern am Seeufer nahe ist und ihnen deutlich machen kann, was er zu sagen hat und meint. Das Bild vom Sämann, der zur Aussaat schreitet greift ein menschliches Geschehen auf, das allenthalben stattfindet auf unserer Welt, um uns aufzubauen, heranwachsen zu lassen. Wie auch immer wir heute unser „Heranwachsen“ und „Heranreifen“, unser Fortkommen, als Einzelne und Gemeinschaft, geschehen lassen oder „betreiben“, unterstützen oder „machen“, in der von Gott geschaffenen Welt, die uns Jesus nahebringen will: Der natürliche Vorgang des Wachsens und Reifens, der Aussaat und der Ernte, der Unterschiedlichkeit der Vorgänge, die einander folgen, und der Samen, die je ihre eigenen Möglichkeiten der blühenden oder gebremsten, verzögerten, verhinderten Entwicklung haben und finden, spielt eine große Rolle in der Schöpfung, die dem Menschen, dem „Einzelnen“ anvertraut ist zum Mit-machen.

Wo finde ich mich in diesem vom Schöpfer begonnenen, gewollten, begleiteten Vorgang? Wie weit bremse ich mich oder sperre ich mich mitzuwirken? Wie weit bin ich mir bewusst, was geschehen will und wirklich geschieht? Wie weit mache ich mit?

Wolfgang Müller SJ

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